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Der Fährbetrieb war eingestellt worden. Der Name für das
Anwesen blieb aber erhalten. Aus der Fährstelle war inzwischen ein
ansehnliches, vorwiegend landwirtschaftlich genutztes Gut geworden. Die
Haupterwerbsbereiche waren außer dem Brückenzoll (die Brücke war
Privatbesitz der Müllers) Land-, Forst-, Fischwirtschaft und eine
Krugwirtschaft. Letztere ergab sich seit jeher aus der Nedlitz-Passage.
Die Besitzer besaßen das Schankrecht. Und jeder Erbe des Müllerschen
Fährgutes war bemüht, den Besitz zu vergrößern. So reichte die Fläche
für die Land- und Forstwirtschaft inzwischen in Richtung Potsdam auf
beiden Seiten der Straße bis zum Ende der Roten Kasernen, in Richtung
Bornim über Nedlitz hinaus bis in die Gemarkung Bornim. Jenseits der
Brücke reichte der Besitz bis an den Fahrländer See und teilweise an
den Krampnitzsee (Heute sind das die Wohngebiete an der Ringstraße und
Am Stinthorn).
Zurück zu Friedrich Heinrich August Müller:
Er erhielt seine Schulbildung im Joachimschen Gymnasium in Berlin. Nach
erfolgreichem Abschluss der Ausbildung mit dem Abitur kehrte er auf das
elterliche Gut zurück und widmete sich an der Seite seines Vaters der
Landwirtschaft.
Sein Vater starb im August 1780. Friedrich Heinrich August Müller erbte
als Fünfundzwanzigjähriger das Gut „Nedlitzer Fähre“. Er heiratete 1781
eine Kusine. Aus der Ehe gingen mehrere Kinder hervor, die aber nicht
alle das Erwachsenenalter erreichten.
Die Zeitverhältnisse änderten sich, es wurden weitere Übergänge über
die Havel gebaut. Die Einnahmen durch den Brückenzoll schmälerten sich
merklich. Müller sicherte seine Existenz durch Intensivierung der Land-
und Forstwirtschaft. Es gab etwa 300 Schafe, deren Wolle verkauft
wurde. Eine Kuhherde wurde gehalten. Auf dem Acker wurde vorrangig
Roggen angebaut. Es wurden 100 Maulbeerbäume, 50 Linden, 35 Espen, 200
Pappeln, 180 Weiden, 184 Obstbäume angepflanzt. Später kaufte Müller
noch „600 bis 700 Stück ächte und unächte Obstbäume“. Einen Weinberg
gab es ebenfalls. Es wurde Wein gekeltert. Weitere Einnahmen kamen aus
der Fisch- und Krugwirtschaft.
Durch die Passage über die Brücke ergaben sich gute Beziehungen zum
Herrscherhaus, zum Militär, zu hohen Offizieren. Bei Manövern gab es
Einquartierungen, Könige und Prinzen kehrten zu einem Frühstück oder
erfrischenden Trunk ein. Hohe und höchste Offiziere kamen oft allein
oder in größeren Gesellschaften - bis zu 40 Personen -, um im Fährkrug
zu speisen. Wurde ein besonders seltener oder schwerer Fisch gefangen,
so wurde er dem König geschickt.
Die Brücke war nun etwa 100 Jahre alt. Sie musste renoviert,
größtenteils gar erneuert werden. Das kostete viel Geld, und das war
knapp. Außerdem hatte sein Vater, Tobias August Müller, begonnen, ein
neues, massives Wohnhaus zu bauen. Sein Schwager, der Bauinspektor zu
Potsdam, lieferte Entwurf und Zeichnung. Wegen fehlender Geldmittel gab
er aber nur die Hälfte des geplanten Hauses in Auftrag. Er starb, bevor
der Bau beendet war. Der Sohn Friedrich Heinrich August ließ den halben
Neubau vollenden, um Gäste und Einquartierungen besser unterbringen zu
können. Er selbst bewohnte weiterhin mit seiner Familie das alte Haus
unter dem Schilfdach. Nach einigen Jahren ließ er die zweite Hälfte des
neuen Wohnhauses bauen und zog dann auch selbst ein.
Der preußische König Friedrich Wilhelm IV kaufte 1845 dem Sohn und
nunmehrigen Gutsbesitzer Philipp Ferdinand Müller die Holzbrücke ab und
ließ nach Plänen von Persius eine Steinbrücke errichten und dazu auf
das Wohnhaus eine Etage aufstocken. Alle Gebäude im normannischen Stil.
Es
ergab sich ein wunderschönes Bauensemble.
Es kam Preußens Schicksalsjahr 1806. Napoleon zog mit seiner
Eroberungsarmee unaufhaltsam durch Europa. Die Schlacht von Jena und
Auerstädt war für Preußen verloren, und so kamen Teile der
französischen Armee auch nach Potsdam und weiter über die Nedlitzer
Fähre Richtung Spandau. Die feindlichen Truppen plünderten den Gutshof
völlig aus, Zerstörungen waren an der Tagesordnung. Die Brücke wurde
durch das durchziehende Militär arg strapaziert, musste doch das
gesamte Kriegsgerät, Bagage, Fourage usw. über diesen Übergang gebracht
werden. Brückengeld wurde nicht gezahlt. Die Brücke wurde schadhaft,
obwohl Besitzer Müller sie erst vor einem Jahr größtenteils erneuert
hatte. Müller war aber nach den erlittenen Drangsalen finanziell nicht
in der Lage, die notwendigen Reparaturen zu bezahlen. Da es sich um
Kriegsschäden handelte, wandte er sich schriftlich an den französischen
Gouverneur von Potsdam, General Bourcier, mit der Bitte, die Brücke auf
Kosten der Kontributionskasse reparieren zu lassen, weil die
Überquerung gefährlich sei. Er selbst könne die Reparatur nicht
bezahlen. Der General konnte aber nicht ohne Genehmigung höherer
Instanz verfügen und sandte Müllers Anliegen dem Kaiserlichen
Commissarius und Intendanten Bignon. Dieser wiederum leitete die
Angelegenheit weiter an die Kurmärkische Kriegs- und Domänencammer. Es
entspann sich ein lebhafter Briefwechsel zwischen den Instanzen und dem
Brückenbesitzer Müller, der die Schreiben zu seiner Rechtfertigung
selbst formulierte. Die Cammer sah sich zwischenzeitlich genötigt, die
Brücke reparieren zu lassen. Der Kaiserliche Commissarius ging jedoch
am Ende so weit, eine harte Strafe für den Brückenbesitzer zu fordern.
Nach seiner Meinung täusche der Brückenbesitzer sein Unvermögen zu
zahlen nur vor. Er wolle sich an der französischen Besatzungsmacht
bereichern. Die Cammer schaltete die Justiz ein. Im Prozess wurde
Müller von den unehrenhaften Vorwürfen freigesprochen. Der Justizrath
urteilte: „Der Müller hat sich keiner durch das Criminalrecht
verbotenen Handlung schuldig gemacht.“ Aber für die Reparatur der
Brücke musste er zahlen. Die Cammer räumte ihm Ratenzahlung ein.
Auf dieses gut ausgegangene, aber aufregende und lebensbedrohliche
Ereignis folgten noch einige Jahre der Erholung, des Aufbaus. Aber
schon am 6. Dezember 1811 verstarb Friedrich Heinrich August Müller. Er
wurde nur 56 Jahre alt. Er hatte den Hof, das Land, wo er und seine
Vorfahren, gelebt haben und gestorben sind, so lieb, dass er noch nach
seinem Ableben darin ruhen wollte. Er wurde in seinem Garten, am
Jungfernsee gelegen, begraben. Auf dem Grabstein vor der Gruft der
Familie Müller auf dem Friedhof Bornstedt steht nur:
"F.H.A. Müller ruht in seinem Garten."
Aus:"Geschichte der Nadolice", Karoline Schulze (1794-1881)
Brandenburgisches Landeshauptarchiv Ursula Hinz 10/2004
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